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Interview mit Thomas Bucheli

10 Jahre danach: Thomas Bucheli, Leiter SF Meteo, sagt, wie Lothar Wetterprognosen und Warnsysteme veränderte und weshalb er in Zukunft mit mehr Überschwemmungen rechnet.

 

Wie wirkt sich der Klimawandel weltweit aus?
Thomas Bucheli: Der Klimawandel äussert sich vor allem durch einen messbaren Anstieg der mittleren durchschnittlichen Oberflächentemperatur auf unserem Globus. Allerdings erfolgt die Erwärmung nicht kontinuierlich und nicht überall in gleichem Masse. Vielmehr erwärmen sich die nördlichen Polargebiete verhältnismässig schneller als andere Regionen. Im Mittelmeerraum wird es vor allem im Winter immer trockener. Über dem indischen Subkontinent zeichnet sich eine Veränderung des sommerlichen Monsunregens ab, der kürzer, aber dafür intensiver zu werden scheint, und Kenya trocknet schlicht aus.

 

Was ist das Besondere an diesem Klimawandel?
Über die Jahrhunderttausende betrachtet ist das Klima natürlichen Schwankungen und Veränderungen unterworfen, sonst hätte es bei uns beispielsweise keine Eiszeiten gegeben. Neu ist, dass dieser Klimawandel – und darüber ist sich die internationale Forschergemeinde mehrheitlich einig – vor allem der menschlich verursachten Zunahme von Treibhausgasen in unserer Atmosphäre zugeschrieben werden muss und sehr schnell abläuft.

In der Schweiz rechnet man als Folge des Klimawandels mit häufigeren und intensiveren Unwettern und Überschwemmungen. Weshalb ist das so?

Das gesamte Erde-Atmosphäre-System stellt sich laufend auf das neue globale Temperaturniveau ein, was zu Veränderungen der Zirkulations- und Wirbelsysteme führt. So gerät die Schweiz in den letzten Jahren gerade in den Sommermonaten auffällig oft in so genannte Südwest-Lagen. Die schwül-warme und gewitterträchtige Mittelmeerluft, welche dieser Südwestwind bringt, vermag mehr Wasserdampf aufzunehmen als kältere Luft und kann umgekehrt mehr Wasser abladen – zum Beispiel in Form von anhaltendem Dauerniederschlag oder von sintflutartigem Gewitterregen. Eine weitere Wetterlage mit erhöhtem Gefahrenpotenzial ist die so genannte 5b-Wetterlage, die uns aus den Jahren 2005 und 2007 bekannt ist; also ein Tief, das vom Golf von Genua über die Ostalpen zieht und bei uns wie überhaupt im östlichen Alpenraum verheerende Überschwemmungen gebracht hat.

Welche Gebiete in der Schweiz sind von diesen Veränderungen besonders betroffen?
Solche kleinräumigen Vorhersagen sind nach wie vor sehr spekulativ, denn sie bedingen, dass globale Berechnungen auf einen kleinen Raum herunter gebrochen werden. Allgemein lässt sich sagen, dass aufgrund der Niederschlagsverschiebungen die Sommer bei uns trockener und die Winter nasser werden. Gleichzeitig ist längerfristig mit einer ansteigenden Schneefallgrenze zu rechnen, was im Alpenraum und im Alpenvorland zu vermehrtem Hochwasser führen kann. Der Alpenraum ist grundsätzlich ein sensibles Gebiet; so beginnt der Permafrost im Hochgebirge aufgrund der Erwärmung vermehrt aufzutauen und der Untergrund wird instabil.

Inwieweit war der Sturm Lothar ein Anzeichen für diesen Klimawandel?

Aus einem Einzelereignis wie Lothar, das nur etwa alle 45-50 Jahre vorkommt, lässt sich noch nichts übers Klima sagen. Es gibt Thesen, dass Winterstürme punkto Anzahl wie auch Intensität zunehmen könnten, dies allerdings tendenziell weiter nördlich der Schweiz. Meine persönliche Einschätzung ist jedoch eine andere: Winterstürme werden aufgrund der abnehmenden Temperaturunterschiede zwischen Nordpol und mittleren Breiten eher seltener.

Was geschah am 26.12.1999?

Aus einer ausgeprägten, lang gestreckten Front über dem Atlantik mit hohen Temperaturunterschieden und dementsprechend grossem Potenzial für starke Winde entwickelte sich explosionsartig ein eigenständiges kleines Tiefdruckgebiet, Lothar. Der starke Westwind-Jetstream verstärkte das Tief noch und liess es innerhalb von knapp 10 Stunden mit Orkanstärke von der französischen Atlantikküste über West- und Mitteleuropa hinweg fegen. 

Wie haben sich die Möglichkeiten für Wettervorhersagen und Frühwarnungen seit Lothar entwickelt?
Die Modelle sind feinmaschiger geworden und können die topografischen Gegebenheiten besser erfassen, was genauere und regionalere Warnungen ermöglicht. Seit Lothar werden analog zu den amerikanischen Hurrikan-Messungen auch bei uns über dem Atlantik Entwicklungsgebiete von Tiefs – so genannte Hotspots – mit Flugzeugen aufgesucht und mit speziellen Sonden vermessen. Lothar führte ausserdem zu einer Änderung der Dateninterpretation: Wir ziehen jetzt konsequent auch «exotischere» Modelle in unsere Überlegungen mit ein, vor allem dann, wenn sie ein Extremereignis anzeigen. Am Vorabend von Lothar hat genau ein solches Modell nämlich Indizien auf einen Orkan gezeigt, die wir allerdings nicht genügend Ernst genommen haben. Punkto Warnungen war am 26.12. sicher von grossem Nachteil, dass frühmorgens übers Radio nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hatte erreicht werden können. Deshalb entwickelten wir mit dem Wetter-Alarm ein effektives Warnsystem per SMS: Das Handy haben die Leute immer dabei.

Besten Dank für das Interview.

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